Wozu studierst du Literatur?

Für mich ist September der eigentliche Jahresbeginn. Ich mache meine Neujahrsvorsätze im Herbst. Vor einem Jahr habe ich mir deshalb versprochen, dass ich im Studium stets auf meinen Notendurchschnitt achtgeben werde,dass ich so brav und kurz wie möglich mein Studium mache und überhaupt alles einfach nach Vorschrift halt… So typische Streber Gedanken eben. Ich dachte wenn  ich schon Literatur studiere, dann muss ich wenigstens herausragend sein, besser als andere. Gott sei Dank ist mir im Laufe des letzten Jahres aufgefallen, dass das ein Blödsinn ist. Denn wer muss bekanntlich dein Leben leben? Ah ja, du selbst. Deswegen ist es ein relativ angenehmes Gefühl, einfach die Dinge zu tun, die einem Spaß machen, ohne irgendwelche selbst auferlegten Voraussetzungen.

Ich begegne im Universitätsalltag so vielen verwirrten, orientierungslosen Menschen, sodass ich mich langsam an diesen Zwischenzustand, diesem Nicht-sein, diesem Planlosen gewöhnt habe; es als Normalzustand betrachte. Ich bin kurz davor dieses Gefühl schätzen zu wissen. Oder anders: Ich weiß, dass ich es schätzen kann, ich bin nur noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem man sich einfach vom Leben tragen lassen kann. Wie das mit meiner Studienwahl zu tun hat? Wenn jemand zum zehnten Mal die Medizinaufnahmeprüfung macht, dazwischen gestresst Alibi-Biologie studiert und jedes Semester aufs Neue dieses Gefühl des Versagens zu spüren bekommt, was sagt das über diesen Menschen aus? Ist es dann wirklich noch immer vernünftig Mediziner zu werden, bringt es dir irgendwas das so zwanghaft durchzuziehen? Realeres Beispiel: Ich hatte einmal eine Arbeitskollegin die Jus studierte. Wir haben beide geringfügig in einer Bäckerei gearbeitet; ich kurz vor der Matura, sie kurz vorm Masterabschluss. Bei jedem Schichtwechsel hatten wir das gleiche Gespräch; „Also du möchtest echt Literatur studieren nächstes Jahr?“ – sagt sie während sie Semmel nachschlichtet – „ Ja ich habe meine Meinung in den letzten 24 Stunden nicht geändert.“ – sage ich während ich versuche auf eine möglichst kreative, intelligente Aussage zu kommen, die meine Zukunftspläne legitimieren würde und jedes Gegenargument ausschaltet – „Ja, ja wenn man so jung ist, weiß man halt noch nicht so genau wie die reale Welt ist“ – bemitleidendes Gesicht – „Ich weiß nicht ob es so etwas wie die reale Welt überhaupt gibt“ – keine besondere gute Antwort, aber ich hatte gerade gemerkt wie leid mir meine Kollegin tat. Wer möchte auch mit 27 (noch dazu als fast-Juristin) noch Semmeln schlichten müssen? Ich nicht.
Sie schlichtet übrigens immer noch. Ich habe sie kürzlich in eine Bäckerei in Graz gesehen. Sie ist seit zwei Jahren mit dem Studium fertig. Ein Jahr war sie arbeitslos. Jetzt ist sie aufgestiegen zur Filialleiterin.

Egal wie oft Leute kopfschüttelnd und müde lächelnd sich abwenden, nachdem ich ihnen mein Studium erklärt habe, ich weiß im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Leuten, dass ich in die Uni gehe um genau das zu machen was ich (derzeit) machen möchte. Es gibt kein Rezept für die Zukunft. Ich kann auch nicht sagen, ob mir das alles in 10 Jahren immer noch Freude bereiten wird, aber das kommt daher, dass ich ein Mensch bin und Menschen wissen nicht wie es in 10 Jahren sein wird. Ich habe es satt, ständig Ratschläge hören zu müssen, wie ich mir mein Leben besser gestalten könnte, was ich machen muss  um vernünftiger zu leben. Leute scheinen generell den Drang zu verspüren, jungen Leuten  pessimistische Zukunftsaussichten aufdrängen zu wollen. So nach dem Motto „Du wirst schon noch sehen, das Leben ist generell nicht dazu da das zu tun, was dir Freude bereitet“.  Also: wenn es mir schlecht gegangen ist, dann kann es der nächsten Generation nicht besser gehen. Hier noch ein paar meiner Lieblingssätzen (nachdem ich erklärt habe was ich studiere): „Möchtest du denn kein Geld verdienen?“, „Dann wird’s aber schwierig eine Familie zu ernähren…“, „Das ist halt nichts für später, da musst du dir noch was anderes suchen.“, „Die Kunst kannst nicht essen.“ , „Wieso studierst du nicht BWL?“. Mein  Favorit: „Auf Lehramt?“, „Nein!!!!“.

Wieso wollen junge Leute Anfang 20 plötzlich so handeln als wären sie 47? Wir haben einfach nicht die selbe Lebenserfahrung wie jemand in den 40ern, wieso also ständig so tun als hätten wir sie? Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute den Mut hätten Risiken einzugehen, Dinge auszuprobieren. Natürlich ist es mehr Arbeit, als einem vorgefertigten Pfad zu folgen, aber mal ehrlich, wer weiß schon wie die Welt in 15-20 Jahren ausschaut? Neben der Tatsache, dass es dann keine „sicheren“, langfristigen Jobs in dem Sinne mehr geben wird, was wird dann noch von den jetzt gelehrten Wirtschaftssystemen übrig bleiben? Und was ist nochmal zeitlos? Ach ja, die Kunst!

2 Kommentare
  1. G.G. sagte:

    Hallo Johanna

    Deinen Beitrag habe ich aufmerksam gelesen. Ich bin stolz auf Dich. Ich wünsche Dir, dass Du immer den “Überblick” behältst.

    Herzlich G.G.

    Antworten
  2. anita calzadilla sagte:

    hi, johanna: super! geh weiter beherzt deinen weg, voller vertrauen in dich, ins leben, ins gesetz der anziehung/resonanz. es muss DIR spass machen, was du studierst/arbeitest. sonst niemandem. und DICH muss es erfüllen, bereichern, deinen horizont erweitern, dir helfen mehr und mehr zu begreifen, was LEBEN bedeutet! es ist so ein geschenk mensch zu werden und zu SEIN! nach langer zeit: much love,
    anita

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